Und der Wächter ging auf das Dach des Tores zur Mauer hin, und erhob seine Augen und sah sich um, und siehe, da lief ein Mann allein. (2 Sam 18,24)

In der damaligen Zeit, so ganz ohne Satelliten, Radar, Kameras und Co. waren die Städte auf ein menschliches Frühwarnsystem angewiesen. Aus diesem Grund gab es Wachttürme und Wächter, deren Aufgabe darin bestand, Ausschau zu halten. Der Wächterdienst besteht darin, frühzeitig zu erkennen, was sich vor der Haustür abspielt. Es ist ein Aspekt des prophetischen Dienstes heute. In diesem speziellen Vers ist die Situation folgendermaßen: David saß zwischen den Toren (was oft die Gelegenheit für Urteilssprüche oder Beratungen war), und der Wächter war über ihm und hielt Ausschau. In der Ferne sieht er einen einzelnen Mann auf die Stadt zulaufen.

Das interessante ist der Ablauf, der jetzt folgt: Der Wächter meldet seinem König, was er sieht. Der König ist derjenige, der die Lage bewertet und zu dem Schluss kommt, dass es sich um einen Botschafter handeln muss. Als der Wächter ein weiteres Detail nennt (Mir scheint, der erste Läufer sei Achimaaz – V. 27), kann der König den Läufer noch besser einschätzen. Was wir hier sehen, ist eine Ordnung im Dienst des Wächters und ein Zusammenspiel mit anderen Diensten. Der Wächter schlägt nicht wild Alarm, und er behält sein Wissen nicht für sich. Er lässt zunächst den König, die übergeordnete Instanz wissen, was er sieht. Als er ein weiteres Detail erkennt, lässt er den König auch dies wissen. Die übergeordnete Instanz beurteilt die Lage und lässt den Läufer herein.

Interessanterweise sind zwei Läufer in kurzem Abstand unterwegs. Wie es dazu kam, kannst du in den Versen davor nachlesen, doch der Wächter sieht den zweiten Läufer und informiert den Torhüter. Es kommt eine weitere Instanz ins Spiel, während der König bereits voll involviert ist. Er steht quasi die ganze Zeit daneben und beurteilt die sich entwickelnde Situation. Und der Wächter auf der Mauer bezieht unter der Abdeckung durch den König einen weiteren Dienst ein. Ich sehe darin ein wundervolles Beispiel, wie es heute in unseren Gemeinden laufen könnte und möglicherweise sogar schon tut.

Menschen mit einer Sensibilität für Dinge, die noch kein anderer sieht oder sehen kann, gehen verantwortungsvoll mit ihrer Wahrnehmung um und informieren (ohne großes Aufsehen zu erregen) den verantwortlichen Leiter. Der Leiter gibt seine Einschätzung der Lage ab und hilft diesem Wächter, seine Wahrnehmung einzuordnen. Dieser Mensch kann nun mit seiner Wahrnehmung beispielsweise den Ordnerdienst darüber informieren, dass sich etwas anbahnt. In diesem Fall ist es die Information: Da kommt etwas außergewöhnliches, doch es ist alles ok, du kannst die Person getrost reinlassen.

Beachte die Ordnung, die wir hier sehen: Es ist der Wächter, der die Warnung abgibt, nicht der Schmied oder der Stallknecht. Der König weiß, dass der Wächter ein Wächter ist und aufgrund seiner Position auf der Mauer weiter sehen kann als alle anderen. Der Wächter wiederum informiert den Torhüter, und ebenfalls nicht den Schmied oder den Bäcker oder wen auch immer. Es herrscht eine straffe Linie in der Weitergabe von Informationen, gegründet auf dem jeweiligen Dienst und der jeweiligen Position. Was wäre passiert, wenn nun zum Beispiel der Stallknecht zufällig dem Läufer vor der Stadt begegnet wäre und den König informiert hätte? Vermutlich hätte der König als erstes den Wächter gefragt: Siehst du was? Und dann wäre die ganze Kette wahrscheinlich ebenso abgelaufen wie im Fall zuvor.

Die Folge ist Ruhe und Ordnung, der Läufer wird hereingelassen und seine Botschaft angehört, keiner ist in Aufruhr, alles geht einen geordneten Gang. Und in der Zwischenzeit sind der Stallknecht und der Schmied ebenfalls ganz entspannt mit ihren eigenen Aufgaben beschäftigt. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber mich begeistert diese Struktur. Der Wächter macht nicht die Pferde scheu, indem er seine Wahrnehmungen von der Mauer herunterbrüllt und alle, die es hören, sich jetzt fragen müssen, was die jeweilige Information jetzt für sie speziell bedeutet. Jeder geht einfach seinen eigenen Aufgaben nach und ist nicht gezwungen, sich mit Dingen zu beschäftigen, mit denen er eigentlich gar nichts zu tun hat. Der König macht seinen Job als der Chef des Ladens, der Torhüter muss nicht erst mit dem Läufer diskutieren, ob der denn nun rein darf oder nicht. Alles ist vorbereitet, keiner wird überrascht, keiner wird in Unruhe versetzt.

Es gibt eine Situation, in der der Wächter direkt zum Schophar greift und alle auf einmal warnt: und zwar in dem Moment, als der Feind angreift und das Heer auf die Stadt zukommt (Hes 33,3). Auch das ist ein Aspekt des Wächterdienstes – wenn es dick kommt, müssen alle schnellstens informiert werden, vom Torhüter bis zum Stallknecht. Vom Ordnerdienst bis in die hintersten Reihen der Gemeinde. Und auch in diesem Fall geschieht die Informationsweitergabe in einer Art und Weise, dass alle wissen, was sie zu tun haben und nicht kopflos und aufgescheucht durch die Gegend rennen. Ich sehne mich danach, dass wir in unseren Gemeinden eine solche Ordnung aufbauen. Und weißt du was? Es fängt bei dir und bei mir an! Siehst du etwas, was ungewöhnlich oder sogar beunruhigend ist? Dann geh damit zu denjenigen, die in der Position sind, das einzuschätzen und damit umzugehen. Bist du ein Wächter auf der Mauer? Dann halte ebenfalls die Informationskette ein. Wenn wir anfangen, die Dienstwege einzuhalten, erlauben wir es auch allen anderen, das richtige zu tun.