Sei du nur stark und sehr mutig, und achte darauf, daß du nach dem ganzen Gesetz handelst, das dir mein Knecht Mose befohlen hat. Weiche nicht davon ab, weder zur Rechten noch zur Linken, damit du weise handelst überall, wo du hingehst! (Jos 1,7)

Ich glaube, Josua war der erste „klassische“ Jünger der Bibel. Mose war Gott regelmäßig begegnet, empfing seine Anweisungen aus der Gemeinschaft mit Gott heraus und konnte auch schon mal mit Gott diskutieren. Josua war immer in unmittelbarer Nähe. Er bekam die Gespräche mit, wahrscheinlich hat Mose ihm auch einiges erzählt, und er war immer dabei, wenn Mose aus der Gegenwart Gottes kam und dem Volk Israel die nächsten Anweisungen gab. Und nun war Mose tot. Gratulation, Josua, jetzt bist du dran. Im Prinzip ist es der Vorgriff darauf, was die Jünger Jesu später erlebten: Jesus ist ständig in der Gegenwart Gottes und handelt danach, was er den Vater tun sieht. Die Jünger sind dabei, und nach der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu haben sie die Staffel in der Hand.

Ich habe viele Predigten darüber gehört, Tag und Nacht das Wort Gottes zu „meditieren“, es vor Augen zu behalten, ständig darüber nachzusinnen, und ich habe selbst darüber gepredigt – und doch glaube ich, dass darin noch ein tieferes Geheimnis liegt als ich bisher gesehen oder verstanden habe.

Zunächst einmal sollte es unsere Aufmerksamkeit erregen, dass Gott Josua mehrfach auffordert, stark zu sein und sehr mutig. Wenn man sehr viel Mut braucht, ist die Situation vermutlich kein Strandspaziergang. Sehr viel Mut bedeutet, dass es ein ziemlich hohes Risiko gibt. Stark sein zu müssen bedeutet, dass Belastungen bevorstehen, vor denen man schon mal weiche Knie bekommen kann. Wahre Jüngerschaft ist nichts für Weicheier! Übrigens hat auch nicht Mose davor gewarnt, was auf Josua zukommen könnte – es war Gott selbst! Könnte Gott nicht einfach einen Strandspaziergang aus unseren Situationen machen? Könnte Gott nicht einfach dafür sorgen, dass alles easy und lockerflockig läuft? Nein, kann er nicht. Und das wollen wir uns heute genauer anschauen.

Der Auftrag Gottes an Josua lautet: Habe mein Wort Tag und Nacht vor Augen. Denke darüber nach, spreche es, „murmel“ es permanent vor dich hin. DANN wirst du Gelingen haben in allem, was du tust. Warum diese „Technik“? Ganz einfach: Die Situationen, die Josua bevor standen, hatten das Potential, das Gegenteil des Wortes Gottes zu reflektieren. Josua, du und ich leben zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite steht die Welt Gottes, sein Wort, sein Verheißungen, seine Kräfte, und auf der anderen Seite steht die sogenannte Realität. Die Umstände, die irdischen Gesetzmäßigkeiten, die Menschen, mit denen wir zu tun haben. Diese Realität kann schon mal so aussehen, als wäre das Wort Gottes reine Phantasie – weil die Umstände sind, wie sie sind.

Hier liegt der Schlüssel für uns. Was meint Gott, wenn er sagt: Habe mein Wort permanent vor Augen? Meint er, dass wir die Psalmen singen oder pantomimisch darstellen können? Dass wir wissen, wieviele Tiere auf der Arche gewesen sind? Nein, es geht um etwas ganz anderes! Es geht darum, dass wir unserer scheinbaren Realität das Wort Gottes entgegenhalten. Es geht darum, dass wir unsere Realität im Licht des Wortes Gottes betrachten. Es geht darum, dass wir wissen, was Gott über unsere momentane Realität sagt. Was auch immer deine Situation sein mag: Es gibt zwei Betrachtungswinkel – den der „normalen Realität“ und den des Wortes Gottes.

Unser Alltagsleben ist eigentlich ein ständiger Entscheidungsprozess, für welche „Weltanschauung“ wir uns entscheiden. Unser „Kopfkino“ entscheidet darüber, was wir in einer bestimmten Situation denken, fühlen, erwarten und tun. Hat nun unser Kinoprogramm die „normale Welt“ im Angebot, kann man schon mal das Bedürfnis haben, dass einem der Himmel auf den Kopf fallen möge. Hat unser Kinoprogramm allerdings das Wort Gottes parat, kann sich der Blick auf unsere Situation vollkommen wandeln. Und was wir dann noch brauchen, ist Stärke und sehr viel Mut. Schließlich bombardiert uns unsere vermeintliche Realität mit vermeintlich realen Informationen. Und da hilft dann nur Gegenhalten, und zwar mit dem Wort Gottes – während wir unsere Emotionen auch noch in Schach halten.

Meine Lehrgruppe erinnere ich momentan immer wieder an die zwei Standbeine unseres Glaubenslebens: Das Wort Gottes, und die Beziehung zu Gott. Haben wir nur das Wort, aber keine Beziehung zu Gott, werden wir steinharte, gefühlskalte Phrasendreschmaschinen, die mit Wort Gottes um sich schießen, dass es kracht. Das sind unangenehme Zeitgenossen, die für jede Situation das passende Zitat, aber wenig Liebe und Hilfsbereitschaft haben. Haben wir nur die Beziehung zu Gott ohne sein Wort zu kennen, bewegen wir uns auf einer permanent gefühlsgesteuerten Ebene. In krassen Fällen artet das schon mal in eine totale Gefühlsduselei aus, wo sich alles um Jesus und die Liebe zu Jesus dreht, aber das „reale“ Leben landet im Chaos. Wir brauchen beides! Wir brauchen die Balance. Wir brauchen das Wort, das uns Fakten liefert, und wir brauchen die Beziehung, durch die unsere Gefühle geheilt und in Ordnung gebracht werden.

Ich finde es interessant, dass Gott selbst diese beiden Bereiche anspricht, als er Josua begegnet. Er fordert ihn hinsichtlich seiner Gefühlswelt („sei stark und sehr mutig“) und er fordert in hinsichtlich seiner „Weltanschauung“. Beachte auch den Grund, warum Josua stark und sehr mutig sein konnte: Weil Gott ihm verspricht, allezeit mit ihm zu sein (V. 9)! Aus der Beziehung heraus kommt Stärke und sehr viel Mut, aus dem Wort kommt der richtige Blickwinkel auf die Situationen, die Josua bevorstanden. Und wenn wir dieses „Rezept“ befolgen, können auch wir, wie Josua, unser verheißenes Land einnehmen.