Denn jeder von uns soll seinem Nächsten gefallen zum Guten, zur Erbauung. (Röm 15,2)

Seit einigen Tagen lese ich den Römerbrief, und bei einigen Passagen habe ich mir grinsend gedacht: Paulus, sag das heute mal laut! Oder schreib es auf Facebook! Haarsträubende Diskussionen wären dir sicher. Das Interessante an Paulus ist ja, dass wir es hier mit einem Experten in Sachen Richten anderer zu tun haben. Paulus hieß früher Saulus und wusste genau, wer gerade welches Gebot übertreten hatte, und welcher Stein dafür als erstes fliegen sollte. Saulus-Paulus war eine Koryphäe im Aufspüren der Fehler anderer.

Jesus selbst schubst ihn von seinem hohen Ross, und nach dreitägiger Blindheit gehen ihm in mehrfacher Hinsicht die Augen auf. Danach schreibt Paulus Briefe, für die er von Saulus wahrscheinlich auch die eine oder andere Kopfnuss empfangen hätte. Und ich staune momentan immer wieder über die Radikalität der „Forderungen“ an uns (!) in den Briefen von Paulus.

Wusstest du, dass eine – wohlgemerkt biblische – Forderung an uns darin besteht, unserem Nächsten zu gefallen? Ich habe den Praxistest nicht gemacht, aber hätte ich eine Aussage angelehnt an diesen Vers heute auf Facebook gemacht, wüsste ich spontan einige, die mit einem Sturm der Entrüstung reagiert hätten. Wie bitte?? Menschen gefallen? Ich muss überhaupt gar niemandem gefallen außer Gott. Und dem gefalle ich, schließlich bin ich ja sein Wunschkind. Ach, tatsächlich?

Ich beobachte momentan eine Tendenz, dass manche Christen pharisäischer als die Pharisäer werden. Natürlich unterscheiden sich die Inhalte, die Stichworte sind hier nicht Gebot und Gesetz, sondern Gnade, Gerechtigkeit, Geist, Freiheit etc. Aber das Gebaren ist auffällig ähnlich. Nur Steine hat zum Glück noch keiner dabei. In der Quintessenz geht es jedoch meistens darum, wer geistlicher ist, geistlicher lebt, die größeren Offenbarungen und am meisten recht damit hat. Aus diesen Gründen werden Gemeinden verlassen, neue gegründet und Diskussionen vom Zaun gebrochen, die sich mit Fug und Recht in die „Gerichtsshows“ einreihen ließen, die vor einiger Zeit auf Privatsendern mal der Nachmittagshit waren.

Das 13. Kapitel von 1. Korinther ist vielen bekannt, es ist DAS Kapitel über die Liebe. Ich glaube allerdings, man kann dieses Kapitel nur dann wirklich in seiner ganzen Tragweite verstehen, wenn man noch etwas Sekundärliteratur heranzieht, wie zum Beispiel Römer 12-14 und den Anfang von 15. Paulus hat nichts von seiner alten Radikalität verloren, nur die Stoßrichtung ist nun eine andere. Es geht nun um eine radikale Achtung des anderen.

Die paulinische Diplomatie in diesen Versen lässt sich mit dem Stichwort „Wind aus den Segeln nehmen“ beschreiben. Tue nichts, was bei deinen Geschwistern den Puls beschleunigt. Und wenn du merkst, dass er steigt: Einlenken! Wenn man sich die Kapitel im Römerbrief mal an einem Stück zu Gemüte führt, merkt man schnell, wie sehr das an die eigene Substanz gehen kann. An meine jedenfalls… Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht auf einmal der andere. Im Zentrum der Sorge um Wohlbefinden steht auf einmal der Bruder oder die Schwester. Das Maß von Richtig oder Falsch ist plötzlich, was für Auswirkungen es auf die Menschen um mich herum hat.

Interessant ist auch, dass Paulus keine Beurteilung darüber gibt, was denn faktisch richtig und falsch ist. In Römer 14, 6 sehen wir das einzige Maß dafür, unsere Beziehung zu Jesus: Wer auf den Tag achtet, der achtet darauf für den Herrn, und wer nicht auf den Tag achtet, der achtet nicht darauf für den Herrn. Wer ißt, der ißt für den Herrn, denn er dankt Gott; und wer nicht ißt, der enthält sich der Speise für den Herrn und dankt Gott auch. Stimmt unsere Beziehung zu Gott, tun wir die Dinge aus der Beziehung heraus und in dem Bewusstsein, nicht mehr für uns selbst zu leben, sondern für ihn, sind wir im Großen und Ganzen auf der sicheren Seite (und ja, manchmal treibt auch das Stilblüten, über die man rein menschlich nur den Kopf schütteln kann). Und bitte: Es gibt Reifegrade und Erkenntnisstände! Auch das sollten wir berücksichtigen.

Ich komme mehr und mehr zu dem Schluß: Die vielgerühmte Einheit in der Gemeinde kommt nur auf eine Art und Weise zustande, nämlich in einem entspannten und gleichzeitig disziplinierten LOSLASSEN. Indem wir den anderen loslassen, nicht länger unsere Maßstäbe auf ihn legen, sondern von unserer Seite aus in den Blick nehmen: Was kann ich für meinen Bruder oder meine Schwester tun? Was sollte ich ihretwegen lassen? Und wenn es dann noch einige Leitplanken an Lehre und nötigenfalls Korrektur durch die richtigen Leute auf die richtige Weise gibt (vermutlich nicht durch dich oder mich…..), ist der Kurs schon ziemlich gut.