Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; jede aber, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt. (Joh 15,1-2)

Diese Aussage von Jesus erstaunt mich immer wieder, und ich bin nicht sicher, ob wir ihre Tragweite schon verstanden haben. Wir finden hier fünf Informationen: 1. Jesus selbst ist der Weinstock. Aus ihm wächst alles hervor. 2. Gott ist der Weingärtner. Er wacht über den Weinberg, den Wuchs, die Früchte. 3. Es gibt Reben an diesem Weinstock. Die einen bringen Frucht, die anderen bringen keine Frucht. 4. Keine dieser Reben kommt „ungeschoren“ davon. 5. Im Mittelpunkt des Interesses steht die Frucht.

Wir wollen uns heute auf die Reben konzentrieren, die bereits Frucht bringen. Wir haben es also mit einem Teil der Pflanze zu tun, der aus dem Weinstock herauswächst, Kletterranken bildet, sich ausdehnt, Blüten treibt und irgendwann erntereife Früchte produziert. Nun bin ich kein Winzer, und Experten mögen mir verzeihen, wenn die Vorstellung etwas dilettantisch ist. Doch zur Behandlung eines Weinberges gehört, dass die Pflanzen regelmäßig mit großer Sorgfalt beschnitten werden. Der Weingärtner inspiziert den Wuchs der Pflanzen und schneidet das ab, was die Qualität der Frucht beeinträchtigen könnte. Wie gesagt: Das Hauptinteresse gilt der Frucht, der potentiellen Ernte!

Schauen wir uns eine solche „Beschneidung“ etwas genauer an. Wachstum geschieht immer von innen nach außen. Kein Baum beginnt an der Baumkrone zu wachsen, sondern immer an einem Samen, der keimt, Wurzeln schlägt und aufwächst. Die Zellen schieben sich also quasi aus der Pflanze heraus nach außen. Wenn nun ein Zweig abgeschnitten wird, der zukünftig keine Frucht mehr bringen soll, wird etwas entfernt, das sich seinen Weg von innen nach außen gebahnt hat und fester, lebendiger Bestandteil dieser Pflanze ist. Schneidet man einen solchen Ast ab, fügt das der Pflanze eine „Verletzung“ zu. Und damit sind wir beim Thema.

Ich glaube, nirgendwo auf der Welt wird so sehr auf das „Recht auf Verletzungsfreiheit“ gepocht wie unter Christen. Damit ist meistens gemeint: Du hast kein Recht, mich zu kritisieren, du darfst mich in meiner christlichen Entfaltung  nicht ausbremsen, du darfst nicht über mich urteilen und bewerten, ob mein Tun gut oder schlecht ist. Das, was in der Arbeitswelt im Umgang mit Vorgesetzten, Kollegen, Kunden, oder auch Freunden und Familie vollkommen normal ist, wird in der Gemeinde oft ausgehebelt und unter die Kategorie „Verletzung“ oder „Grenzüberschreitung“ gestellt. Wenn der Chef sagt, was geht und was nicht, wird das eher akzeptiert, als wenn es jemand in der Gemeinde sagt.

Und doch sagt Gott über sich selbst: Ich bin der Weingärtner, ich mache die Regeln. Und ich beschneide, was mir nicht gefällt. Unser Problem ist dabei in der Regel, dass wir die Momente der Beschneidung nicht erkennen. Wir hören nur ein scharfes „Zing“ aus dem Mund eines Bruders oder einer Schwester (denn Gott steht ja eher selten direkt vor uns), schauen an uns herunter und sehen „Blut fließen“. Wir wurden „verletzt“ – aber vielleicht wurden wir auch gerade beschnitten? Unser nächster Schritt entscheidet darüber, wie es mit dieser Wunde weitergeht.

Noch einmal ganz deutlich: Wenn der Weingärtner das Messer ansetzt, fügt er der Pflanze eine Wunde zu. Der Pflanzensaft strömt heraus und verschließt die Wunde, aber Wunde bleibt Wunde – noch dazu mit voller Absicht. Und das Messer in der Hand unseres göttlichen Weingärtners sind sehr, sehr oft die Geschwister in der Gemeinde (meistens merken sie gar nicht, dass sie gerade als solches eingesetzt werden). Als diejenigen, die gerade einen geliebten Zweig verloren haben, haben wir zwei Möglichkeiten: 1. Die Wunde hegen und pflegen, uns empören, das „Messer“ aufs Korn nehmen und uns schwören, dass das nicht noch einmal passiert, weil wir uns jetzt zurückziehen; oder 2. wir entspannen uns und gehen mit dieser Verletzung zu demjenigen, der sie uns angetan hat: Gott, unserem Vater.

Ich glaube, unser größtes Problem in der Christenheit ist, dass wir uns alle für dermaßen vollkommen halten. Wir haben Gründe, warum wir sind, wie wir sind, und können das hervorragend erklären. Und damit haben wir ein „Recht“ auf unsere Eigenarten, unsere Schutzwälle und unser Raushalten. Doch wie gesagt: Diese diversen „Äste“ sind aus unserem Inneren gewachsen. Sie sind ein Spiegel unseres Herzens. Der Spiegel für unseren Soll-Wuchs ist Gottes Wort. In Galater 5,22 finden wir die Beschreibung der Frucht des Geistes. Nur unterscheiden sich die Frucht des Geistes und die Frucht unseres menschlichen Herzens gravierend voneinander! Und genau darum setzt das Messer Gottes an unserem Herzen an. Und darum tut es manchmal auch so dermaßen weh.

Das Gute daran ist: Zweige, die in unerem Herzen abgeschnitten werden, können nicht mehr nach außen wachsen und Frucht bringen. Stattdessen haben neue Zweige die Chance auszutreiben – genau darum geht es ja bei der ganzen Sache. Der Prozess als solches kann dir schon einmal die Tränen in die Augen treiben. Bedenke dabei allerdings folgendes: Würde Gott, der Weingärtner, nicht das Potential in dir sehen, würde er dich völlig in Ruhe lassen und keinerlei Frucht bei dir erwarten. Also lässt sich eine solche Beschneidung auch gut als Hinweis sehen, dass Gott etwas vorhat mit dir! Und bitte hab‘ Erbarmen mit dem armen Messer – es kann eigentlich gar nichts dafür…