Darum legt ab allen Schmutz und allen Rest von Bosheit und nehmt mit Sanftmut das [euch] eingepflanzte Wort auf, das die Kraft hat, eure Seelen zu erretten! (Jak 1,21)

Als ich mich gestern morgen auf meine skype-Lehreinheit vorbereitete, sah ich plötzlich einen Zusammenhang, der mir nie zuvor in dieser Klarheit aufgefallen war. Es geht um die „Errettung“ unserer Seele und den eigentlichen Zweck dabei.

Zunächst einmal die Frage: Warum braucht unsere Seele noch Errettung, wenn wir doch schon errettet und von Neuem geboren sind? Weil mit unserer Wiedergeburt unser Geist von Neuem geboren wurde – nicht unsere Seele. Der Geist ist es, der in Beziehung mit Gott treten kann, der Geist war das Attribut, das bei Adam und Eva und ihrem Sündenfall sofort den „Tod“ erlitten hat, während ihre Körper noch Jahrhunderte weiterlebten. Wenn wir uns bekehren, wird dieser Geist wieder lebendig gemacht und ist nun in der Lage, mit Gott zu kommunizieren, nämlich von Geist zu Geist. Dass unser Körper weiterhin den irdischen Gesetzmäßigkeiten folgt, ist wahrscheinlich jedem von uns schon aufgefallen. Die Falten vermehren sich, die grauen Haare auch und was auch immer noch mit diesem Prozess zusammenhängt. Dennoch kann unser Körper mit der Kraft Gottes in Berührung kommen und gestärkt oder geheilt werden.

Die Seele allerdings ist eine interessante Baustelle, denn sie lässt sich umgestalten oder mit Jakobus gesprochen erretten. Das griechische Wort hier lautet sozo, das erretten, heilen, wiederherstellen, in Ordnung bringen bedeutet. Unsere Seele braucht Heilung und Wiederherstellung. Sie muss quasi umgebaut werden, um nicht länger irdisch, menschlich oder eben seelisch zu ticken, sondern mit dem Geist in Einklang zu kommen. Unsere Seele steht für unseren Willen, unsere Gefühle und unser Denken. Und das sind tatsächlich Aspekte, die verändert werden können. Manchmal reicht eine einzige Information, und unsere Welt sieht plötzlich vollkommen anders aus. Die Fakten haben sich dabei nicht verändert, nur die Art und Weise, wie wir diese Fakten auswerten und verarbeiten. Vielleicht kommt dir permanent jemand blöd und unfreundlich vor, bis du erfährst, dass dieser Mensch massive ernsthafte Probleme in seiner Familie hat. Und schon kann unsere Ablehnung einem gewissen Mitgefühl und Verständnis weichen. Der Mensch ist immer noch der gleiche, aber unsere Reaktion auf ihn ist durch die neue Information eine andere.

Für uns als wiedergeborene Christen ist das Mittel unserer Umgestaltung das Wort Gottes. Es hat die Kraft oder die Fähigkeit, unsere Seele zu erneuern, sofern wir das Wort aufnehmen, uns damit beschäftigen und vor allem dann Täter des Wortes werden (V. 22). Täter wird man, indem man etwas tut – es geht also um unsere Entscheidungen, die unser Handeln bestimmen. Es obliegt meiner Entscheidung, wie ich die Welt sehen will. Lasse ich mich von meinen seelischen Gefühlen leiten, oder glaube ich dem Wort Gottes und handle dementsprechend.

So weit so gut. Aber warum das alles? Geht es darum, dass wir lieb werden? Dass wir verständnisvolle, barmherzige, geduldige Menschenfreunde werden? Ja, auch das. Angenehme Zeitgenossen sind einfach angenehmer und anziehender als unangenehme… Natürlich geht es um das Miteinander, auch was unsere Beziehungen zu Nichtchristen betrifft, die an unserer Liebe untereinander erkennen werden, dass wir Jünger Jesu sind. Aber es gibt noch einen zweiten Aspekt, und um den geht es mir heute vor allem.

In 1. Kointher 2, 12-16 spricht Paulus von zwei Bewertungsmaßstäben: Dem natürlichen (oder seelischen) und dem geistlichen. Und er sagt ausdrücklich, dass geistliche Dinge nicht mit einem natürlichen oder seelischen Maßstab beurteilt werden können – völlig ausgeschlossen. Jemand, der natürlich oder seelisch tickt, kann geistliche Dinge nicht beurteilen – sie kommen ihm sogar töricht vor. Ich glaube schon, dass sich das auf Ungläubige bezieht, die das Reich Gottes in all seinen Facetten und Implikationen nicht verstehen können. Aber ich glaube auch, dass es hier nicht in erster Linie um Gläubige im Gegensatz zu Ungläubigen geht, sondern um geistliche Menschen (oder Christen) im Gegensatz zu seelischen Menschen (oder Christen). Können wir als Christen seelisch ticken? Absolut. Und zwar genau dann, wenn wir unsere Seele nicht erretten lassen, wie es Jakobus und auch Paulus an anderen Stellen beschreiben.

Ein seelischer Christ ist jemand, der von seiner Seele dominiert wird. Gute Gradmesser dafür sind unsere Vergebungsbereitschaft, Anfälle von Trotz und Rebellion, Stolz oder Ablehnung. Natürlich kennen wir alle solche Situationen – die spannende Frage ist nur: Wie gehen wir damit um? Lassen wir unserer Seele freien Lauf oder zügeln wir sie, weil wir wissen, was jetzt dem Wort Gottes gemäß von uns erwartet wird. Genau an dem Punkt beginnt dann die Entscheidung, ob ich ein reiner Hörer des Wortes bin oder auch Täter des Wortes werde. Je mehr wir unsere Seele zügeln, desto mehr und auch schneller wird sie umgestaltet. Unsere Bereitschaft dazu (meinetwegen auch mit zusammengebissenen und knirschenden Zähnen) bestimmt, ob wir geistlich wachsen und reifen. Denn diese Frage ist für uns persönlich extrem wichtig und reich an Konsequenzen.

In 1. Korinther 3,1 sagt Paulus nämlich: Und ich, meine Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu geistlichen, sondern als zu fleischlichen Menschen, als zu Unmündigen in Christus. Er spricht hier ausdrücklich zu Brüdern, also zu Christen, aber seine Konversation mit ihnen war beschränkt. Er konnte zu ihnen nicht wie zu geistlichen Menschen sprechen, sondern musste sich ihrem fleischlichen (oder seelischen) Zustand anpassen. Ist es denkbar, dass der Heilige Geist zu uns gern über geistliche Dinge sprechen würde, aber aufgrund unserer seelischen Prägung kann er nicht? Und so beschränkt er sich auf Themen, die für uns gerade geeignet sind. Siehst du die Konsequenz? Tiefer in geistliche Dimensionen vorzudringen setzt voraus, dass wir geistliche und damit mündige Jünger werden, und nicht in einem seelischen und damit unmündigen Zustand verharren. Die Entscheidung, unsere Seele erretten, heilen und erneuern zu lassen, hat explizit damit zu tun, was uns geistlich anvertraut werden kann, weil wir schließlich in der Lage sind, geistliche Dinge geistlich zu beurteilen. Und damit qualifizieren wir uns für eine Dimension, von der wir wahrscheinlich noch keine Vorstellung haben!